Lauresham, Zeitreise zu Karl dem Großen.

(Hier wird es demnächst einen weiteren Artikel zu Lorsch, der Anfahrt und den Welterben geben, ich werde nächste Woche (vielleicht) wieder hin radeln, die Pfingstrosen werden hoffentlich bis dahin noch blühen. Es sind ja nur 15 km . Wird verlinkt, ihr könnt, bei unbändigem Verlangen, solange meine sonstigen Lorsch-Ausflüge hier nachlesen.) Update: Hier ist der Link!
tl;dr
Ich war im „Experimentalarchäologische Freilichtlabor karolingischer Herrenhof Lauresham des Welterbe Areal Kloster Lorsch“.
Ich bin begeistert!

Ein Youtube-Video zur Eröffnung von Laueresham von Matern TV.

Eigentlich sollte der Nachmittag nur eine der üblichen Rundfahrten  werden, wie ich sie schon 2005 beschrieb und später in dieses Blog hievte. Bisher war das wohl ein (fast) hessisches Jahr in meinen Blogs. Die Blüte an der Bergstraße, Nolde im Museum Wiesbaden, Margritte in der Schirn, im Städel der Geschlechterkampf, nun also Lauresham. Ich schlich schon lange um das Gelände herum und dachte man könne da nur als vorangemeldete Gruppe darin herumwuseln und tweetete 2015:


Bösartig, dabei arbeiten dort so nette Leute! Tschuligung!

Auf der – für mich – „neuen“ Website stand, dass man auch in spontanen Gruppen besichtigen könne. Im Besucherzentrum telefonierte man für mich und als eine Führung zustande kam, verständigte mich ein Mitarbeiter, ich war solange in einer anderen Ausstellung!
Also Lauersham, einer der vielen Namen des Städtchens, des Klosters, das ich von Kindesbeinen an kenne.
Über Lauresam hatte ich schon viel gelesen. In den Blogs von „Spektrum der Wissenschaft“ „Frieren für die Wissenschaft: Lauresham im Winter“, Artikel des Bensheimer Anzeiger, der so etwas twittert oder Bilder auf Instagram angesehen, einer Facebookseite folge ich auch. Man versucht im Rahmen des Projektes auch eine Reproduktion des Aucherochsen durch Zurückzüchtung zu bewerkstelligen, also kein Cloneversuch oder ähnliches. Ich lese schon geraume Zeit in dem Blog dazu mit. Hier entlang!  Mit Kälbchen-Content :))
Trotzdem hatte ich nicht wirklich in aller Tiefe kapiert, was genau das sein soll.
Es wurde erklärt und ich lernte viel!

Besucherinformationszentrum Weltkulturerbe Kloster Lorsch. Einer der Museumspädagogischen „Kästen“.

Was mich zu diesem Tweet verführte!


Karl der Große, unser aller erster Kaiser, als wir noch eins waren mit Fronkreisch, der große Förderer des Kloster Lorsch, ritt nicht nur zum Papst oder bekämpfte die Sachsen, sondern regierte auch und erließ grundsätzliche Edikte, nicht nur zur Bildung, sondern auch zum Alltag seiner Königshöfe. Die „Capitulare de villis vel curtis imperii“, in der genau festgelegt wird, was angebaut werden soll, sogar Wein, die Tiere, die Häuser, die Kirchen. Ein schöne Beschreibung dazu fand ich beim „Historischen Verein Ingelheim e.V.“ Zitat:

Karl legte fest, dass auf jedem der Krongüter eine möglichst große Zahl von Kühen, Schweinen, Schafen, Ziegen und Böcken gehalten werden sollte,

… auch den Link zur „Bibliotheca Augustana“, mit einer schönen lateinischen Ausgabe! „Incipit capitulare de villis vel curtis imperii.“

Zitat aus Wikipedia: Capitulare de villis vel curtis imperii, oft auch nur kurz Capitulare de villis genannt, ist eine Landgüterverordnung, die Karl der Große als detaillierte Vorschrift über die Verwaltung der Krongüter erließ. Dieses Kapitular ist eine berühmte Quelle für die Wirtschafts-, speziell die Agrar- und Gartenbaugeschichte.

So.  Man weiß also, was Karl wollte, aber wie sah das genau aus? Es gibt wohl wenige Quellen zum alltäglich Leben der Untertanen des Carolus Magnus. Nur den berühmten Lorscher Codex, der allerdings eher Hauptbuch ist, das Ersterwähnerbuch. Auch unser Viernheim hier ist dort 777 nChr erstmals erwähnt. Den Codex kann man digital betrachten. Hei, das mit 77 müssen wir neu erforschen.
Hier setzt das Konzept der Experimentalarcheologie an, denn echte Funde sind selten, da dies eine „Holz-Zeit“ ist, das sich nicht 1000 Jahre hält. Am Rande des karolingischen Klosters sollte also ein „Königshof“ entstehen. Auf Grund von Funden im Umkreis und Vergleichen zu anderen Regionen, Recherchen oder was man sonst so tut, versucht man im Experiment den täglichen Strukturen des karolingischen Lebens im 9. Jahrhundert nachzuspüren, Artefakte zu reproduzieren, wie sie vielleicht hätten sein können, unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Merke: Lauresheim ist keine Kulisse für ein Set eines Hollywood-Studios, aber auch kein normales Museum, das originale Artefakte ausstellt, es ist ein Möglichkeits-Museum, eine Könnte-so-gewesen-sein-Studie, im beständigen Prozess erarbeitet.
Man begann also genau das nachzubauen, was Karl gewollt hätte, wie es im Umfeld des Klosters ausgesehen hätte, vielleicht. Übrigens auch in unserem Viernheim, denn das war wohl auch ursprünglich ein fränkischer Königshof, man sollte es nicht glauben! Das „Dorf“ wird aber durchaus bewirtschaftet, es arbeiten dort „Gärtner“ und „Landwirte“.

Also besichtigten wir den Park. Die Informationsfülle war sehr hoch, obwohl unser Führer sehr bemüht war, sich zu bremsen. 🙂 Nicht vergessen, das alles sind Reproduktionen, keine „echten“ Funde.

Eisen war teuer und wertvoll und wurde nur „minimalistisch, effizient“ eingesetzt. Ein Spaten.

Die Zugtiersektion:

Die Schreinerei mit abgesenkten Boden.
Die Schreinerei mit den „erarbeiteten“ Werkzeugen. Im Gelände befindet sich auch eine Schmiede.
Ein Webstuhl. Interessant: Man fand diese Steine, wusste sie nicht zu deuten, bis man in Norwegen jemanden fand, der so webte.
Hochbeete mit Gewürzen & Co. Man fragt, was von den Karl’schen Vorgaben tatsächlich hier wuchs oder galten manche Pflanzen nur für die südlichen Reichsteile?
Die Kastenbetten im Hörigenhaus. Bis zu 15 Personen waren hier untergebracht. Über die Geschlechteranordnung weiß man nichts genaues.
Die Heizung im Hörigenhaus.

Zu dem Versuch von Menschen zu übernachten, im Winter verweise ich wieder zum Spektrum-Blog. Oder zu einem Youtube-Video des Bergsträßer Anzeigers.

Die Küche im Hörigenhaus, die auch das Herrenhaus versorgte. Hhm. Finde ich jetzt etwas zu klein geraten, auch wenn die Hörigen zwangsvegetarisch waren.
Zu Tisch im Herrenhaus sang man zur Leier.

Diese Leier im Einsatz auf Youtube.
Ich bezweifle sehr, dass das so klang. Es gibt ja noch keine überlieferte Noten aus dem 9. Jahrhundert, oder? Der gregorianische Choral entwickelte sich doch gerade. Was, Karl hat auch die Liturgie reformiert?

Die Kirche im Dorf, das einzige Steinhaus, weiß getüncht, ohne Gestühl. Mit Kreuz der Päpstin aus gleichnamigen Film, wurde uns gesagt. 🙂

Wir hatten schon überzogen, zu den Schweinen, Hühnern und sonstigem Vieh kamen wir nach 1 3/4 Stunden nicht mehr. E-gal, der Sommer ist lang. Wenn ich nicht noch das Vieh zur Auerochsenzucht geknipst hätte, das weidet rund um, dann hätte ich nicht auf dem Rad geduscht auf der Heimfahrt.

Psst, off topic, ich hatte auch schon gefaket, dass ich ein Nachkomme von Karl wäre…obwohl… :))

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