#fürstenlager und Geschichte(n)

#tl;dr
(Achtung sehr langes Gedankenwinden, vom Hölzchen auf’s Stöckchen)
Ich war im „Staatspark Fürstenlager“, Bensheim-Auerbach #lustparken.
(Titelbild Scan des offiziellen Flyers)
Ich frage mich, warum ich nicht öfter dort bin. Es sind ja nur 20 km, 41 Bahnminuten weit. Gehört zu meinem Heimatkreis! Ein magischer Ort für mich, dieses Auerbach.
Website des Fürstenlagers | Wikipedia Fürstenlager | Wikipedia Bensheim-Auerbach.
Das Fürstenlager ist eine offene Landschaft 24/7 frei zugänglich.

„Herrenhaus“ im Staatspark Fürstenlager Bensheim-Auerbach.

Ich muss ausholen. Die Geschichte wurde in meiner Familie immer wieder kolportiert. Das Deutsche Reich, von der NSDAP regiert, verlangte von seinen Bürgern im öffentlichen Dienst & mehr, den „Ariernachweis“, per Gesetz von 1933.

Ahnentafel meiner Mutter

Also Rassismus pur, das Grauen begann. Weil 2017 wieder braune Horden durch Deutschland grölen, sogar in den USA, vom Präsidenten gestützt, Fremdenhass verbreiten, will ich das hier erzählen, auch wenn es scheinbar nicht in ein Ausflugsblog passt. Doch, das gehört zu meiner Geschichte des Fürstenlagers, wartet es ab.

Aus der Postmappe meiner Mutter, Klasse III a. Eine freundliche Gabe der Nachbarn. Als das noch Zigarrenfabrikanten waren.

Hier der „Nachweis der arischen Abstammung“ meines Großvaters mütterlicherseits. Schön bestempelt vom katholischen Pfarramt, nein, niemand wusste irgendetwas. Er wohnt samt Familie übrigens bei Isaak Kaufmann, einem jüdischen Viernheimer. Er war sein Shabbes-Boy und machte Samstags all das, was ein frommer Jude am Sabbat nicht tun durfte, wie Isaak Sonntags seine Hühner fütterte und dergleichen. Irgendwann standen sie auf der Straße und schnaggelten, als der Ortsgruppenführer vorbei radelte und Opa mit „Guten Tag“ grüßte, statt mit dem Heil. Das kostete ihn den Job als Briefträger. Isaak entkam mit Familie zunächst nach England. Opa kaufte mein Elternhaus, trat irgendwann in die Partei ein und war wieder Postmann. Er wurde dann von den Amis entnazifiziert und war ein liebevoller Opa, der mir mein erstes Rad schenkte und Karl May lieben lehrte. Eine banale deutsche Geschichte, oder?
Ariernachweis meines Großvaters Daniel Gärtner. Er war Postbeamter,

Bei meiner Großmutter Bawett war das leicht komplizierter. Meine Mutter z.B. verfolgte ihre Ahnen nur bis zu den Ur-Großeltern.

Obwohl man es besser wusste.
Nochmal die Ahnenreihe, eine Generation höher.

Also, die Anna Maria Schuhmacher gebar 1818 einen Sohn, meinen Ururgroßvater. Der Vater des Anton wird dezent verschwiegen. Er war Jude, sagten die Verwandten, ein Graf, aus (Bensheim-)Auerbach. Noch zu Omas Zeiten nannte man sie die „Lindheimer“. Der hier wird es wohl nicht gewesen sein. Oma wäre im bekloppten Rassenwahn des Nazistaates 1/8tel Jüdin gewesen. Ein Blödsinn sondergleichen. Also ließ sie es weg, nicht weil es Blödsinn war, sondern aus Angst, ein Cousin aus Emden hatte das erforscht.
Ich zitiere wieder einmal Zuck aus des Teufels General. Via Wikipedia

Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt…

Auf jeden Fall hat sich dem Kind Michael eingeprägt, da war ein adeliger Vorfahre auf einer Burg (Schloss Auerbach), das bekommen wir später noch… Nacheinander war ich dann in Nachfolge Raubritter, Minnesänger, Knappe, was man halt so spielt und fantasiert, meist in schrecklich sich dehnenden Schulstunden oder Sonntagspredigten. Später dann erfand ich für mich Geschichten um meine Urururgroßmutter. Kabale und Liebe war ein Dreck dagegen. Nein, das erzählte ich niemandem, hätte es nur damals schon das Netz gegeben…
Eigentlich wollte ich schon immer der Sache nachgehen, die wirkliche Geschichte erforschen, Geschichten recherchieren, aber ich tat es nie, ich hätte zu viel lernen müssen, es gibt Leute, die studieren so etwas und die Alten, die etwas wissen hätten können, waren dahin, falls der Tabubruch denn wirklich erzählt wurde. Ich wollte und will eher meine Geschichten für mich behalten. Wahrscheinlich war alles nicht ganz so dramatisch.

Ob er wohl hier…?

Eine alleinerziehende Mutter mehr, bis heute keine Seltenheit. Aber diese Geschichten lassen mich in Auerbach nie los. Eine Story also die vor 200 Jahre spielte, ob Liebe oder Vergewaltigung, wer weiß das schon. Der Landgraf, der das Fürstenlager ausbauen ließ, der Darmstädter Ludwig, der X., der dann zum Großherzog Ludwig I. mutierte, von Napoleons Gnaden, empfing dort also auch die Romanows, obwohl ihm Katharina die Große seine Verlobte für Zarewitsch Paul weg nahm…. und empfing noch wen? Ich höre ja schon auf. Aber das mit den Nazis bedenkt ihr, wenn die Blauen wieder hetzen oder die Braunen oder…, gell? Ich will keinen Ariernachweis vorweisen müssen und Juden im Stammbaum sind allezeit willkommen! Äh ja.

Ich fuhr nicht mit dem Rad. Langsam muss ich aufpassen, was ich tue. 2 Stunden Rad, dann 4 Stunden #lustparken, dann wieder 2 Stunden Rad, geht nur noch mit Knieschmerzen zwei Tage lang. Außerdem hatte ich auf der engen, viel befahrenen Straße nach Hochstädten schon unangenehme Erfahrungen gemacht. Statt Fahrradstreifen gluckert da die Auer, schön gedolt, damit sie nichts mehr überschwemmen kann… (Zum Gluckern: Klick auf das Filmchen!)

Der Auerbach gluckst…

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Es ist auch ohne Fantasie ein magischer Ort, ein typischer englischer Garten, Wasser, Wald, Wiesen. Ausblicke und Einblicke, weite, gezähmte Landschaften, ein liebliches Landleben vortäuschend, aber hier geht das direkt in den „normalen“ Wald über, zum Wandern, nicht nur zum Schlendern. Fast die ganze Anlage ist erhalten und kein Protzbau stört. Alles wirkt heiter, entspannt, von Anfang an.

#lustparken #odenwalf #lampenmittwoch

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Neue Ausblicke soll so ein englischer Garten bieten, andere Perspektiven. Hei, sind dieses Gärten gar ein riesiges, professionelles Hardware-#wirziehnfallera?

Dorfallee Fürstenlager
Das Fürstenlager. Fast könnte man meinen, das sei wirklich ein Dorf.
Alles wirkt, als ob es bewohnt wäre…

Dann weite Flächen, natürlich beweidet.

#hessische #staatsschafe @work

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Dann wieder Garten mit Waldriesen…

Der Sommer 2017 mit seinem Dauerregen und abwechselnder Hitze sorgte für fast irisches Grün…

Blickachsen im Fürstenlager. Hier auf das Herrenhaus.

Dann wieder „Fake-Gebäude“ im engleischen Garten, Fürstenpark. Die Sehnsucht nach Kontemplation: Die Emeritage.

Es gab halt keine Kühlschränke….

Eishöhle Fürstenlager, sehr dekorativ in der Landschaft.

Der Freundschaftstempel im Fürstenlager. Wer ist Emil?

Der Garten migriert aber immer wieder in den Wald, den Odenwald.

Bestens integriert in die Wanderrouten… Das Fürstenlager, z.B. zum Lautertaler Felsenmeer..

Wer lieber pilgert muss in Bensheim nicht nach Campostela, auf Jakobs Spuren. Der Franziskanerkonvent im Tal hat einen Pilgerpfad angelegt, ihrem Ordensgründer zu Ehren mit seinem berühmten Sonnengesang. Sogar ein Geocach ist da ausgelegt.

Bruder Wind…

Wir sind aber auch an der Via Montana und am Rhein ist der Wein nie weit weg…

Bald… #auerbacherrott

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Aber! Dieser Herrenwingert gehört zur Domäne Bergstraße des Weinimperiums der Zisterzienser im Kloster Eberbach, heute Weingut des Landes Hessen. Man lässt uns nicht verdursten. Dieses Weingut ist das größte in Schland! Hat alles seinen Preis!

Die Vinothek der Domäne in Heppenheim hatte ich ja schon hier beschrieben….

Ihr kennt das Kloster Eberbach nicht? Ach? Noch nie „Der Name der Rose“ gesehen?
Oder „Game of thrones“…. Ja, ja, da dreht sich einiges!

Aber in Auerbach ist das alles ruhiger, angenehmer. Keine Drachen so weit.

Landschaftspfleger im Fürstenlager Auerbach.

Nur am Ausgang der hessische Löwe.

Hessischer Jubiläumslöwe

Jetzt träume ich wieder! Tarek und Volker entfliehen der Hektik in Wiesbaden, dem Fluglärm in Frankfurt, dem Gewusel der Dokumenta und #lustparken in Auerbach, schließlich sind sie jetzt die Hessenchefs und blicken huldvoll in den Odenwald hinein, vom Fürstenlager aus.

Bald geht es weiter mit:

Schloss Auerbach (Klick)

Da wollte ich nicht gleich hin…bis dann!

5 Gedanken zu „#fürstenlager und Geschichte(n)“

  1. Mit sehr großem Interesse gelesen; ja das blaue Blut in uns war für mich als Kind wahnsinnig spannend. Mein Kopfkino war voller heroischer Geschichten…
    Wir gehen der Geschichte Vorort nochmals nach, lass schon mal die Rösser vorspannen ….

    Und, du brauchst ein E-Bike!

    Bis denne

    Bruschter Hans

  2. Hallo Mike,
    tolle Geschichte das, und doch kocht angesichts neuerer Entwicklungen, die das sattsam bekannte schreckliche Geschehen wieder drohen aufleben zu lassen, eine unbändige Wut hoch.
    Gehen wir dagegen an, wo immer wir können!
    Hubert

  3. Lieber Mike,
    danke für diese, unsere Geschichte. Sie hat mich tief berührt und aufgewühlt. Ich habe Opa und Oma wieder lebhaft vor den Augen gehabt; viele Kindheitserinnerungen.
    Hoffen wir, dass angesichts der anstehenden Wahlen, die Rechten und Braunen wenig Zuspruch erfahren.
    Anne

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