Tourist sollst du sein,
oder: Der Fluch des Mikelbower!

Erstmals veröffentlicht wohl 07/2001, aber älter, als der Zwang „Urlaub“ zu machen noch stark war, entstanden auf dem Marktplatz in Heidelberg. In der Zeit, als ich nur im Dialekt schrieb und ja, so sah 2001 meine Homepage aus.

fluch
Was da denn heißt:

Der Fluch des Mikelbower

Tourist sollst Du sein in deiner Heimatstadt
(Kinder im Preis oft inbegriffen)
Auf ewig in Halbpension,
Abgegriffen, abkassiert, Heimatabendkastriert.

Tourist sollst du sein wo immer du auch bist
Selbst am Brunnen vor jenem Tor
Auf ewig in Halbpension
Du Herzilein, mein Schornstein ist rein.


Inzwischen probiere ich sehr wohl „Tourist“ in der eigenen Region zu sein. Was auf den Urlaub warten? Jetzt als Rentner sowieso. Nur das Wetter macht nicht immer, wie ich will. Warum sollte ich das nur weit weg von hier machen? Die Museen, die Landschaften, die Parks, die Theater, die Flüsse, die Burgen und Schlösser nur für Touristen von anderswo? Doch, inzwischen gehe ich sogar hoch zum Schloss in Heidelberg, Chinesen zählen. (Merke: Das Schloss fehlt hier immer noch, die berühmteste Ruine der Welt, sagen sie wenigstens, die Heidelberger Marketiere.)

Das ging schleichend. Irgendwann dämmerte mir, dass man das Rad nicht nur der Bewegung willen fahren kann, sondern mit einem Ziel, dass man ein Bierchen auch bewusst in Mannheim trinken kann oder in Ladenburg, statt im langweiligen Viernheim. Nach Weinheim hatte ich ja fast immer eine VRN-Jahreskarte, des Broterwerbs wegen, heute die Karte ab 60 des VRN, die Superflat, sozusagen. Irgendwann begann ich darüber auch zu bloggen, was letztendlich zu diesem Blog führte. Vorgestern wurde mir etwas noch mehr bewusst, die Region kann man ja heute auch schon einmal mit „Metropolregion“ definieren und weil ich etwas suchte fand ich diese Liste. Ich aber wohne in Viernheim, ich zeig euch das nachher noch, und unser Kreis Bergstraße mit der Hauptstadt Vettelheim, dank seines hartnäckigen alten Landrates, ist Mitglied der Metropolregion Rhein-Neckar UND der Metropolregion Rhein-Main. Rechnet man die Einwohnerzahlen zusammen für diese fiktive Metropolregion Rhein-Main-Neckar, dann wäre diese die zweitgrößte nach Rhein-Ruhr, weit vor Berlin und München, erstaunlich eigentlich. Nur damit ihr wisst, was diese Region da ausmacht. :))

Aber jetzt fang‘ endlich an, Herr Mikel Bower!
Gestern wollte ich eigentlich die Pfingstrosen in Lorsch bewundern, am Sonntag zum Welterbetag ist zu viel los, aber es gab Südwinde mit leichten Böhen und das mag ich nicht auf dem Rad, also nahm ich die 5 um im Sanitätshaus wegen neuer Einlagen zu verhandeln, in Weinheim. Unterwegs fiel mir ein, dass es Pfingstrosen bestimmt auch im Hermannshof gibt. Seit die Weinheimer ihre Busse bestens organisiert haben nehm ich dazu gerne den 633.
Natürlich hatten die EX-Kollegen das.


Der ganze Garten blüht und die Farben bewundern sich selbst. Man kann das gar nicht alles knipsen.


Warum eigentlich auf dem Balkon zu Hause lesen, dachte ich mir, der Tolino war ja im Rucksack, so ist das wenn man nicht nur auf Print fixiert ist.


Bis der Hunger kam. Auf dem Weg downtown lockte die Burg, die Bratwurst über der Ebene zu verspeisen, vielleicht ein Gedicht über Touristen schreiben, obwohl, das hab ich ja schon, siehe hier, auf dem Marktplatz, von unten hoch, zur Burg geschrieben. „Burgenromantik“

Die Windeck in Weinheim, aus den Gassen geknipst.
Die Windeck in Weinheim, aus den Gassen geknipst.

Aber es war geschlossen. Man erwartete wohl kein gutes Wetter!


Ja und in der Mitte des Bildes in der Ebene liegt Viernheim, vor dem Klotz Mannheim und vor allem im Hinterrund, am Rhein die BASF, kilometerlang. Ich berichtete. Also die ganze Metropolregion ist das aber noch nicht, gell, die sieht man besser von drüben, also von Wachenheim aus.
Also trottete ich die 20 min wieder in die Stadt hinab und unten, dort wo sie die Betonklötze vor die Burg gesetzt haben, an der Grundelbach, damit auch die Hässlichkeiten Weinheims in der Altstadt dokumentiert sind, dort vor dem Altenwohnheim saß die Frau eines längst verstorbenen Kollegen in der Sonne im Rollstuhl und rauchte. Auf dem Weg, ein weiterer Ex-Kollege dement am Rollator, so ist das eben wenn man alt wird, die Generation vorher ist noch älter, tattriger, ich werde irgendwann folgen. Aber kein Grund zur Panik, weiter auf dem Weg, die Enkelin eines Kollegen probiert schon mal die neuen Hotpants aus, ihr Freund ist begeistert.
Es gab dann Döner, auch bei einem Ex-Kollegen, der mit der Abfindung vor zich Jahren, die Struktur musste mal wieder angepasst werden, seine Bude aufmachte.
So eine alte Dönerbude, sauber, aber keine dieser neuen Glitzerbratereien mit Angeboten auf Monitoren und mit Softdrink und Pommes als Menü. 2,50 der halbe Döner, selbstgesteckt, selbst angerührte Joghurtsauce, hatten wir manchmal auch zum Vesper in der Spätschicht, ist ja nicht weit weg, die Fabrik.
Mir wurde dann lachend bewusst: In einer Stadt, in der man 37 Jahre arbeitete, kann man kein Tourist sein. Die Geister der Vergangenheit sind überall, die der Lebenden sowieso. Und die Gedanken reisen. Fast alle Liedtexte für „Uhne Ferz“ schrieb ich hier, in längst untergegangenen Kneipen, die Szene tobte sintemals. Nur als Beispiel. Aber zum Abschluss musste ein Woinemer sein. Wie immer, auf dem Marktplatz, dort wo die Rolex am Arm wohnt und die Damen mit ihren Buchstabentäschchen gähnen, nicht wissend, dass einst in der Ebene dafür Material, äh, ja, und für ihre Gesundheitsschlappen und die Sitze vom Sternchencabrio. Drunten wo Weinheim hässlich ist. Aber nicht hier, im Weinheimer Montmartre.


Warum ich das alles erzähle, ist ja wohl banal alles. Alltäglich. Ja. Aber die Banalität des Alltäglichen kann doch kleines Glück gebären, manchmal, wenn man es kann, man es zulässt und das Schicksal gnädig ist. Ich wollte, dass ihr das wisst. 🙂
Aber demnächst werde ich auch wieder das Netbook mitnehmen, auf die Burg, damit ich wieder Burgenblogger bin. Der Staatsburgenblogger ist ja auch wieder zu Gange, mal seh’n, ob er durchhält.

Ein Gedanke zu „Tourist sollst du sein,
oder: Der Fluch des Mikelbower!“

  1. Warum ich das alles erzähle, ist ja wohl banal alles. Alltäglich. Ja. Aber die Banalität des Alltäglichen kann doch kleines Glück gebären, manchmal, wenn man es kann, man es zulässt und das Schicksal gnädig ist. Ich wollte, dass ihr das wisst

    … und es lässt die Gedanken um die eigene Umgegend wieder bewusster werden

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